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Christliche Gemeinschaft Hirt und Herde

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Organisation

Synonyme
  • HH
  • Hirt und Herde
Verwandte Begriffe
Kurztext

Die Christliche Gemeinschaft Hirt und Herde ist eine christliche Neuoffenbarungsbewegung, die 1894 durch den Fabrikweber August Hermann Hain in Meerane gegründet wurde.

Haupttext

Lehre nach den Quellen

Grundlage der Lehre der Gemeinschaft ist nach Kurt Hutten der Satz Gott fordert von den Menschen einen guten Wandel. Damit gehört die Gruppe zu den Sekten, die gegenüber den christlichen Kirchen einen perfektionierten Glaubensstand anstreben. In der Theologie wird von einer wiederholten Inkarnation Gottes im Laufe der Weltgeschichte ausgegangen. Entsprechend der Schöpfungsgeschichte wird der der Weltenlauf in sechs Perioden von jeweils 2000 Jahren eingeteilt, die den Schöpfungstagen entsprechen. In jeder Periode inkarniert sich Gott, um die Menschen aufzufordern, einen guten Lebenswandel zu führen. Die bisherigen Inkarnationen waren Adam, Melchisedek, Mose, Elia, Christus und letztendlich "Vater Hain", der Gründer der Gruppe, August Hermann Hain. Damit ist Gottes Werk vollendet, nach "Vater Hain" folgt dann der göttliche Ruhetag an dem die Welt an ihr Ziel kommt und eine Herde unter einem Hirten sein wird.

Die Inkarnationen Gottes werden so verstanden, daß Gott selbst in der Gestalt des jeweiligen Fleisch geworden ist, die Personen werden als Hülle verstanden. Aus diesem Inkarnationsverständnis folgt auch in der Lehre der christlichen Gemeinschaft Hirt und Herde, daß nach dem Tod der jeweiligen Inkarnation Gott wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückgekehrt ist, die Hülle verlassen hat. Diese Hülle ist dann somit nur eine Hülse, die keiner besonderen Verehrung bedarf. Durch diesen Ansatz wird die christliche Lehre der Auferstehung geleugnet. Gleichzeitig wirkt sich dieser Ansatz auch auf das Verhältnis der christlichen Gemeinschaft Hirt und Herde zu ihren Verstorbenen aus: Verstorbene sind nur Hüllen, die keines besonderen Kultes würdig sind.

Nach der Lehre der HH bezieht sich Prediger 9, 13 - 15 auf Hain. So berichtet Kurt Hutten, folgendes:
Es wird z. B. von ihm erzählt, daß er, mit einem Bruder unterwegs von einem Gewitter überfallen, dem Blitz gebot, neben ihnen einzuschlagen; daß er aus dem Fleisch fuhr und seine Gottheit zeigte; daß er zwei Brüdern, die er auf dem Weg antraf, sagte, was sie gesprochen hatten; daß er bei einem Ausflug mit der Bahn wegen Geldmangels keine Fahrkarte löste, aber trotzdem schon vor den andern am Ziel war.

Grundlage der Lehre sind die 10 Gebote, die minutiös erfüllt werden müssen. Taufe und Abendmahl werden als Sakrament abgelehnt, da es Zeremonien seien. Bei allem sittlichen Rigorismus werden aber Alkohol- und Tabakkonsum nicht abgelehnt. Die Beerdigung wird abgelehnt, da der Geist ja aus dem Gefängnis der Hülle gefahren sei und nun bei Gott sei. Diese Hülle verdiene keine besondere Aufmerksamkeit mehr. Allerdings habe ich bei den HH durchaus Probleme feststellen müssen. Es war ihnen entgegen unserer Tradition nicht immer leicht, die Verstorbenen so anonym als "Hüllen" ohne Geleit, Feier und öffentliches Gedenken den Bestattern zu überlassen.

Biografisches

 August Hermann Hain wurde am 27. September 1848 in Werdau bei Falkenstein im Vogtland geboren. Mit seinen Eltern und Geschwistern siedelte er 1870 nach Meerane über, wo er Fabrikweber wurde. Nach seiner Teilnahme am Krieg 1870/71 heiratete er 1873. Aus dieser Ehe gingen zehn Kinder hervor, von denen allerdings nur 7 überlebten. Die Beziehung zur Kirche war locker, da diese in Meerane kein Verständnis für die Probleme des Industrieproletariats hatte. Ein Freund führte ihn in einen spiritistischen Kreis ein, in dem Gebetsheilungen und Prophezeiungen gepflegt wurden. Im Rahmen dieser Tätigkeit erlebte Hain am 23. November 1894 seine Berufung.

Das geschah auf eine seltsame Weise. Während einer Sitzung sagte Gläser im Trancezustand: "Der Herr ist heute unter uns!" Darauf erhob sich Hain und erklärte: "Ich bin es!" Ein Teil der Anwesenden erkannte dies an, die Mehrzahl samt Gläser lehnte Hains Anspruch ab. Es kam zum Bruch zwischen beiden Gruppen, und Hain sammelte nun als der "Hirt" seine "Herde". vgl. Hutten a.a.O. S. 449

Hain starb am 29 Juli 1927 und wurde in Zwickau eingeäschert.

Geschichtliche Entwicklung

Als Gründung der Gruppe gilt der 23. 11. 1894. Die Anfangszeit liegt im Dunkeln, allerdings erlangte er in Meerane recht schnell eine gewisse Berühmtheit. Von seinen Kollegen wurde er als einer der Ihren empfunden, so daß sich die Mitglieder anfangs auch hauptsächlich aus der Arbeiterschaft rekrutierten. 1913 kam es zum Zusammenstoß mit der Kirche (seine Anhängerschar war auf 600 gestiegen): Er machte während einer Bibelstunde kirchenfeindliche Äußerungen und wurde wegen Religionsvergehens in Zwickau angeklagt und zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt. Damit war er zum Märtyrer der Gruppe geworden. Schon 1918 war die Gruppe auf über 1000 Mitglieder angewachsen. Die Gruppe war 1917 verboten worden, ihre Blütezeit erlebte sie nach dem ersten Weltkrieg in den Jahren 1919 bis 1927. Sie breitete sich in Sachsen und Thüringen, sowie in den angrenzenden Gebieten Nordbayerns und der Tschechoslowakei aus.

Nach dem Tode von Hain 1917 wuchs die Gruppe unter der Leitung seines Sohnes Karl Hermann Hain weiter und wurde 1933 als kommunistisch-religiöse Sekte von den Nazis verboten. Erst 1945 konnte sie ihre öffentliche Tätigkeit wieder aufnehmen. Inzwischen war sie auf über 3000 Mitglieder gewachsen. 1951 erhielt die Sekten ihre staatliche Anerkennung von den Behörden der DDR, eine größere Missionstätigkeit hat sie aber nie entfaltet.

Heute steht die Gruppe unter der Leitung des Enkels von August Hain, Günter Hain (geb.: 06. 03. 1933), der auch heute noch in Meerane wohnt.

Statistik und gesellschaftliche Relevanz

Gegenwärtig geht man davon aus, daß die Gruppe etwa 2000 Anhänger hat, die hauptsächlich in den zwölf "Bezirken" Auerbach/Vogtland, Chemnitz, Crottendorf/Erzgeb., Dresden, Gera, Jena, Leipzig, Meerane, Plauen/Vogtland, Rehau/Oberfranken, Zwickau und Horn/Niedersachsen leben.

Die Bezirke stehen unter der Leitung von "Bezirksleitern", die einzelnen Herden unter der Leitung von "Lehrern", die Ortsgruppen werden von "Leitern" geleitet. Eine besondere Ausbildung erhalten die Amtsträger von HH nicht, alle Tätigkeiten werden ehrenamtlich ausgeführt, alle Verbindlichkeiten kommen aus Spenden. Nach der Satzung der Gruppe war es HH untersagt, ein Konto bei einer Bank zu führen. Allerdings ist mir nicht bekannt, ob das noch heute gilt.

Auf Grund ihrer geringen Mitgliederzahl hat die Gruppe nie mehr als lokale Bedeutung gehabt. Im Dritten Reich war sie verboten, wurde aber meines Wissens nicht verfolgt. In der DDR war sie wegen ihres Verbotes durch die Nazis eine anerkannte Religion. Sie hat aber anders als die Johannische Kirche am politischen Leben der DDR offiziell nie teilgenommen. In der DDR war sie nur Insidern als Gruppe bekannt. Ein Gefahrenpotential ist von dieser Gruppe nie ausgegangen.

Zusammenfassung

Die Christliche Gemeinschaft Hirt und Herde ist eine klassische Sekte. Auf Grund ihrer sehr lokalen Verbreitung hauptsächlich in Sachsen und Ostthüringen hat sie in ihrer Geschichte eigentlich immer eher eine Außenseiterrolle gespielt. Ich kannte den jenaer Leiter und ein Ehepaar der Gruppe aus Jena recht gut, habe mit ihnen, die langjährige Hausmeister in der Friedrich-Schiller-Universität waren, gute wie schlechte politische Zeiten erlebt. Es waren bescheidene, aber auch nur auf sich und ihre Gemeinschaft bezogene Menschen. Sie schöpften die Kraft, sich in den wilden Zeiten der DDR behaupten zu können, aus der Gemeinschaft, führten ein sehr inniges musikalisches und soziales Leben. Manchmal hatte ich den Eindruck, daß sie schon in einer anderen Welt lebten, einer Welt, die mit der realen nicht so sehr viel gemeinsam hatte. Die Gemeinschaft war und ist nicht auf Konfrontation mit der Gesellschaft aus, sondern hat sich eher zurückgezogen und von der Welt getrennt. Letztendlich war es ein monastisches Leben, denn die Anhänger haben eigentlich nur innerhalb ihres sehr aktiven Gemeindelebens wirklich gelebt. Die Arbeit diente dem Lebensunterhalt und wurde pünktlich, minutiös und genau ausgeführt.

Bibliographie

Deutsche Nationalbibliothek

Index Theologicus

Quellenliteratur

"Satzungen der Christlichen Gemeinschaft Hirt und Herde". Die Satzung wurde nur maschinenschriftlich verbreitet. Eine eigene Literatur hat HH nicht hervorgebracht

Sekundärliteratur

  • Evangelisches Kirchenlexikon (EKL) Band II, 1958, 173
  • Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG) 3. Aufl., Band 3, 365
  • Hutten, Kurt: Seher Grübler, Enthusiasten, 15. Aufl. 1997, 271 - 276
  • Jentzsch, Joachim: Die Christliche Gemeinschaft Hirt und Herde, Diss. Leipzig 1956 (Masch.schriftl.)
  • Obst, Helmut: Apostel und Propheten der Neuzeit, 1. Aufl. der Neubearbeitung, 1990, 325 - 347
  • Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2000 5. Aufl. 281 - 285
  • Handbuch Religiöse Gemeinschaft und Weltanschauungen Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2006 6. Aufl. 287 - 292
  • Koch, Lothar Dr.: Informationen. (Maschinenschriftlich vervielfältigtes Manuskript des langjährigen Leiters der Jenaer Gruppe) [Das Manuskript liegt dem Autoren nicht vor.]
  • Dirk Schuster: Die Christliche Gemeinschaft Hirt und Herde in Leipzig 1933–1945. Die Leipziger Staatspolizeistelle und der Umgang mit einer verbotenen „Sekte“; in: Dirk Schuster, Martin Bamert (Hrsg.): Religiöse Devianz in Leipzig. Monisten, Völkische, Freimaurer und gesellschaftliche Debatten – Das Wirken religiös devianter Gruppierungen in Leipzig des 20. Jahrhunderts; Stuttgart: ibidem, 2012; ISBN 978-3-8382-0322-5; S. 139–155
Quellenlinks

Die Gruppe betreibt keine Webseite

Kritische Links
Autoren Winfried Müller
Geändert 21.09.2018